Kapitel 1
Es gibt Menschen, die morgens aufwachen und einfach funktionieren.
Dee war nicht einer von ihnen.
Sie lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Das Holo-Interface auf dem Nachttisch hätte die Uhrzeit längst dort oben stehen haben sollen, in dieser blassen Projektion, die sie jeden Morgen als erstes sah.
Stattdessen wartete sie. Das Interface brauchte länger als bei anderen.
Sie hatte es mal gemessen. Dreizehn Sekunden. Ferns Interface brauchte zwei.
Das Rechteck aus blassem Licht erschien schließlich an der Decke, flackerte kurz, natürlich, und zeigte ihr die Zeit.
07:30.
Dee blinzelte.
Für einen Moment flackerte eine zweite Anzeige darüber.
07:13.
Dann blinzelte sie nochmal, falls sie sich verguckt hatte.
Nein. 07:30.
„Oh nein."
Sie war schon halb aus dem Bett, bevor der Rest des Gedankens fertig war. Eli. Schule. Acht Uhr.
Sie hatte gestern Nacht mit Sicherheit einen Alarm gesetzt. Sie erinnerte sich daran.
Sie hatte den Holocast am Handgelenk zweimal angetippt, das leise Bestätigungspiepen gehört.
Ihr Blick fiel auf das Armband auf dem Nachttisch.
Sie hatte es abgenommen, weil es nachts gedrückt hatte.
„Super", sagte sie laut. „Sehr gut, Dee. Großartige Entscheidung."
Niemand antwortete, weil niemand da war.
Die Zimmerseite ihrer besten Freundin Fern war verwaist. Aufgeräumt wie immer, als wäre sie nur kurz weggegangen. Fern hatte schon immer zu ihrem Leben gehört, lange bevor sie offiziell Teil der Familie geworden war, fast eine Schwester.
Und ihr Bett hatte immer so ausgesehen: das Kissen symmetrisch, die Decke faltenfrei glatt gezogen, jedes einzelne Detail an seinem Platz. Als hätte Ordnung etwas aufhalten können, das längst passiert war. So wie Fern es immer gemacht hatte. Jeden Morgen. Auch als sie noch hier gewohnt hatte.
Aber seit drei Monaten schlief hier niemand mehr. Seit Fern die Ausbildung bei AURA begonnen hatte und ins Wohnheim gezogen war, war ihr Bett nur noch ein Rechteck aus glattgezogener Decke.
Dee wandte den Blick ab.
Ihr eigenes Bett war ein chaotisches Knäuel aus Decke und Kissen. Auf dem Boden eine Socke, ein umgekipptes Glas Wasser vom Nachttisch, das sie gestern Nacht vermutlich selbst umgestoßen hatte.
Ja. Das passte.
Acht Minuten. Vom Bett zur Haustür, das hatte sie schon geschafft, das würde sie wieder schaffen.
Sie schnappte sich den Holocast vom Nachttisch und streifte ihn über das Handgelenk.
Das Ding war eigentlich alles in einem: Interface, Nachrichten, Navigation, Bezahlen. Zumindest bei den meisten.
Dee griff sich ein dunkles Oversized-Shirt und die verwaschene Jeans von gestern. Den Hoodie warf sie obendrauf, weil es draußen noch kühl war.
Für die Haare war keine Zeit. Sie schob sich die blauen Strähnen aus dem Gesicht, alle, von der Wurzel bis zu den Spitzen vollständig in diesem matten Mitternachtsblau, das sie sich vor einem halben Jahr hatte färben lassen, und das schon immer seinen eigenen Willen zu haben schien.
Auch heute wollte es nicht in die gleiche Richtung fallen. Sie band es halb hoch, ließ den Rest hängen, und entschied, dass das gut genug war.
Zähne geputzt. Check.
Angezogen. Check.
Treppe runter in die Küche.
Den Holocast noch einmal angetippt, dabei fast die Kaffeekanne vom Tresen gefegt, aufgefangen. Nichts passiert. Check.
Kaffee. Eigentlich. Aber dafür war nun keine Zeit mehr.
Sie warf einen Blick auf das große Holo-Display an der Küchenwand. Ihre Mutter Mara hinterließ dort jeden Morgen die Termine des Tages, bevor sie zur Schicht ging.
Eine Angewohnheit, die sie seit Jahren hatte und die Dee eigentlich schätzte, wenn das Display mitmachte.
Heute machte es nicht mit.
Mara arbeitete mit Jugendlichen, deren Fähigkeiten „erwacht“ waren. Offiziell hieß das Integration. Inoffiziell bedeutete es, dass AURA entschied, wer lernen durfte, damit umzugehen.
Die Projektion brach in Segmente auseinander, als hätte jemand die Anzeige falsch zusammengesetzt.
Buchstaben erschienen halb, verschwanden wieder, ein Wort blieb stehen, dann auch das nicht mehr.
Sie atmete kurz aus, versuchte sich zu sammeln, aber die Eile im Hinterkopf war zu laut.
Das Display gab ein leises Knacken von sich und erlosch.
Dee ließ es stehen. Sie würde es später lesen.
Oder Fern würde ihr schreiben. Oder irgendjemand würde ihr sagen, was sie verpasst hatte.
So lief das meistens.
Sie schnappte sich ihre Jacke vom Stuhl und zog sie über, schlüpfte in die Boots, die sie seit zwei Jahren trug und nicht ersetzen würde, solange sie noch hielten.
Ihr kleiner Bruder Eli saß bereits mit seinem Rucksack an der Tür.
Er sah sie mit seinen großen saphirgrünen Augen fragend an. Die blonden Locken, die er von ihrem Vater geerbt hatte, standen in alle Richtungen ab, an den Spitzen grün gefärbt, eine Entscheidung, die Eli vor zwei Monaten getroffen hatte und die ihre Mutter noch immer mit einem Gesichtsausdruck quittierte, den sie offiziell als neutral bezeichnen würde.
Dee fand es toll. Sie hatten zusammen die Farbe ausgesucht.
„Du bist zu spät, Deandra.“, sagte er.
„Ich bin pünktlich."
„Du hast Zahnpasta am Kragen."
Dee schaute runter. Tatsächlich.
„Das ist Absicht", sagte sie. „Ist ein Statement."
Eli verdrehte die Augen mit der ganzen Ernsthaftigkeit eines Achtjährigen, der solche Antworten schon zu oft gehört hatte.
Er stand auf, zog seinen Rucksack zurecht und marschierte an ihr vorbei nach draußen.
Dee liebte ihn sehr.
Draußen pulsierte die Stadt bereits.
Früher hatten die Leute noch Bildschirme in der Hand gehalten. Jetzt schwebten überall die kleinen persönlichen Projektionen der Holocasts, manche groß wie Fenster, manche klein wie Karteikarten.
Nachrichten, Navigationslinien auf dem Boden, Statusanzeigen an Gebäudefassaden.
Eine Frau neben ihr sprach mit jemandem, der als Hologramm vor ihr durch die Luft lief, halb transparent, leicht versetzt, die Verbindung mit minimalem Lag.
Die meisten hier waren „Clears“. Keine Fähigkeit, kein Eintrag, kein Problem. Manchmal beneidete sie das.
Dee tippte auf ihren Holocast und rief ihre eigene Oberfläche auf.
Flackern.
Dann: Licht, instabil, die Kanten ausgefranst.
Eine Nachricht von Fern: „Mara hat mir geschrieben, weil sie wusste, dass du ihre Nachricht sowieso nicht lesen würdest. Sie kommt heute wieder später. Denk bitte daran, Eli nach deiner Schicht abzuholen."
Dee tippte zurück: „Mach ich."
Dann, nach einer Sekunde noch: „Danke."
Das Holocast zuckte. Eine zweite Nachricht wollte laden, irgendetwas von ihrer Mutter, aber die Verbindung brach kurz weg, kam wieder, zeigte ihr halb gerenderten Text, und Dee tippte zweimal auf das Armband wie jemand, der hofft, dass Schlagen hilft.
Es half nicht.
„Funktioniert nicht?", fragte Eli neben ihr, ohne hochzuschauen.
„Doch."
„Sieht nicht so aus."
„Es funktioniert auf eine eigene, besondere Art."
Eli sagte nichts dazu. Das war fast schlimmer als ein Kommentar.
Die Grundschule war nur drei Stationen mit der Linie sieben entfernt.
Die Bahn war voll wie immer, zu voll für diese Uhrzeit, und Dee stand eingeklemmt zwischen zwei Leuten die in ihre Interfaces starrten und hielt sich an der Stange fest.
Ihr Blick fiel auf Eli, der neben ihr stand und aus dem Fenster schaute, die grünen Haarspitzen gegen die Scheibe gelehnt.
Fern hätte jetzt sicher irgendetwas vernünftiges gesagt. Dass man sich in der Bahn festhalten soll. Dass man nicht gegen die Scheibe lehnen soll weil das unhygienisch ist.
Fern hatte schon immer zu ihrem Leben gehört, lange bevor sie offiziell Teil der Familie geworden war.
Ihre Mütter kannten sich seit dem Studium, was bedeutete, dass auch Dee und Fern sich kannten seit sie laufen konnten.
Gemeinsame Urlaube, gemeinsame Schule, gemeinsames Zimmer an Wochenenden, an denen Leonora und Mara bis tief in die Nacht in der Küche saßen und redeten.
Dann kamen die Vorfälle. So nannte AURA es. Als wäre es einfach etwas, das passierte, ohne dass jemand schuld war.
Beim größten der Vorfälle waren Ferns Eltern beide beruflich in einem anderen Stadtteil unterwegs.
Leonora arbeitete im Bereich Stadtinfrastruktur, ihr Vater Marcus als Techniker, beide in einem Gebäude, das direkt betroffen war, als die Systeme kollabierten.
Fern selbst war hier gewesen, in diesem Zimmer, als die Nachricht kam.
Fern sprach nie darüber. Dee auch nicht.
Mara hatte nicht gezögert. Leonora war ihre beste Freundin gewesen, Fern kannte sie ihr ganzes Leben, und Fern hatte keine Verwandten. Für Mara war es keine Frage.
Die Bahn bremste. Dee griff fester an die Stange.
Ihre Station.
Sie tippte Eli an die Schulter. „Komm."
Die Türen öffneten sich, und die Menge schob sie nach draußen. Dee kannte die Strecke auswendig, kannte die genaue Sekunde, in der man aufstehen musste, um den richtigen Ausgang zu erwischen, kannte den Automaten am Eingang, der auf sie reagierte wie ein alter Feind.
Heute blinkte er orange, als sie vorbeikam.
Nur orange. Kurz. Als würde er sagen: Ich hab dich gesehen.
Dee ignorierte ihn.
Das Schultor hatte eines dieser neuen Check-in-Terminals.
Eine schwebende Lichtfläche, hüfthoch, mit einem sanften Puls in Lila.
AURA-Lila, wie alle es nannten. Die Agency for Unified Resonance Administration hatte eine Vorliebe für einheitliche Farben.
Und für einheitliche Menschen, wenn man es genau nahm.
Daneben befand sich ein kleiner Sensor, der den Holocast der begleitenden Person las und das Kind automatisch einloggte.
Praktisch. Effizient. Für die meisten.
Dee streckte den Arm aus.
Das Terminal registrierte sie. Kurze Pause. Dann begann die Anzeige zu flackern, dieselbe Art von Flackern wie immer, das leichte Zucken, als könnte das System nicht ganz entscheiden, was es mit ihr anfangen sollte.
Seit ihrem Resonanztest mit sechzehn hatte sie das gelernt. Maschinen reagierten auf sie anders. Dieses kurze Stocken, dieses Zucken, als könnte das System sie nicht einordnen.
Identifikation wird verarbeitet.
Identifikation wird verarbeitet.
Identifikation wird ver-
Die Anzeige zuckte.
Für den Bruchteil einer Sekunde erschien ein anderer Name. Dann noch einer.
„Komm schon", murmelte Dee.
Hinter ihr bildete sich eine kleine Schlange.
Eine Mutter mit Zwillingen schaute kurz rüber, nicht unfreundlich, aber mit dem Ausdruck von jemandem, der es auch eilig hatte.
Eli stand neben ihr, geduldig, weil er diese Situation schon zu oft erlebt hatte und sich damit abgefunden hatte, dass sein Leben so war.
Das Terminal zuckte nochmal. Dann: Fehler. Bitte erneut versuchen.
Dee probiert es noch mal.
Fehler. Bitte erneut versuchen.
„Ich versuche es ja", sagte sie leise, an das Terminal gerichtet, als würde das helfen.
Beim dritten Versuch flackerte das Terminal wild auf, zeigte kurz drei verschiedene Namen gleichzeitig an, dann Elis Foto mit falschen Daten, dann gar nichts mehr.
Dee tippte auf ihren Holocast. Nichts.
Tippte nochmal.
Die Lichtfläche des Terminals erlosch komplett.
In der Schlange hinter ihr wurde es still.
„Okay", sagte Dee. „Okay, kurze Pause, alles gut."
Das Terminal erwachte wieder. Ruckartig. Als hätte jemand von innen dagegen geschlagen.
Und dann, als hätte es genug von ihr, akzeptierte es die Einloggung. Elis Name erschien, sauber und korrekt, grünes Licht.
"Elias Van Eick. Eingeloggt. 07:59."
Eine Minute vor dem Klingelzeichen.
Dee atmete aus.
Eli schaute sie an. „Passiert das immer noch?"
„Was?"
„Das mit den Terminals."
„Das Terminal hatte nur einen schlechten Morgen", sagte Dee.
Eli nickte ernst. „Kenn ich."
Einen Moment lang grinste Dee fast.
Dann: „Mama braucht immer nur zwei Sekunden."
Das saß.
Dee wusste es.
Sie hatte es selbst gesehen, die Woche davor: Mara brachte Eli, streckte den Arm aus, das Terminal sprang sofort auf Grün, und sie ging einfach weiter, als wäre es das Normalste der Welt.
Weil es das für sie war.
„Unsere Mutter ist ja auch eine ganz besondere Frau", sagte Dee.
Eli überlegte kurz, ob das eine richtige Antwort war.
Dann rannte er los.
Dee stand noch einen Moment am Tor. Die Schule schluckte ihn, die Tür fiel zu, und sie war wieder allein auf dem Gehweg mit ihrem flackernden Holocast und dem leisen, vertrauten Gefühl, dass der Tag noch irgendwas von ihr wollte.
Aber heute lag etwas in der Luft, schwer und still, wie vor einem Gewitter, nur ohne Wolken.
Dee schaute sich um.
Nichts.
Sie zuckte die Schultern und machte sich auf den Weg zum Kiosk.
Sie brauchte Kaffee. Erst Kaffee. Dann der Rest.
Hinter ihr blinkte der Automat noch einmal auf.
Rot.
Kurz, aber deutlich.
Dann verschwand das Licht, als wäre nichts gewesen.
◆ ◆ ◆
Kapitel 2
Der Kaffee war keine Frage des Wollens. Er war eine Frage des Überlebens.
Dee hatte heute Morgen keine Zeit gehabt, die Kaffeekanne auch nur anzuschauen, sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, Eli rechtzeitig aus dem Haus zu bekommen, Zahnpasta vom Kragen zu wischen und mit einem Terminal zu kämpfen, das ihre bloße Existenz als persönliche Beleidigung aufgefasst hatte.
Jetzt war es kurz nach acht, sie hatte noch fast zwei Stunden bis zur Schicht bei Mona, und ihr Kopf fühlte sich an wie trockener Sand.
Das „Neo Café“ an der Ecke war kein richtiges Café.
Eher ein Kiosk, der irgendwann beschlossen hatte, auch eine Kaffeemaschine aufzustellen, und seitdem so tat, als wäre das schon immer der Plan gewesen. Drei Stehtische, eine handgeschriebene Karte als Holo-Projektion über dem Tresen – die immer leicht schief hing, egal wie oft Sal, der Besitzer, sie neu kalibrierte – und der beste Milchkaffee in einem Umkreis von zehn Minuten zu Fuß.
Das war das Einzige, was zählte.
Sie trat ein, nickte Sal kurz zu, und stellte sich an den Tresen.
Gleichzeitig stockte die Musik.
Nicht lang, nur eine Sekunde, vielleicht zwei. Das leichte Kratzen eines Signals, das kurz die Orientierung verlor, und dann wieder fand.
Sal schaute kurz zur Decke, wo der Lautsprecher saß, zuckte die Schultern, und wandte sich wieder der Kaffeemaschine zu.
Dee tat so, als hätte sie es nicht bemerkt.
„Einen Kaffee, bitte. Viel Milchschaum."
„Wie immer."
„Wie immer."
Sie lehnte gegen den Tresen und rief ihr Interface auf.
Endlich, die Nachricht ihrer Mutter von heute Morgen hatte sie noch nicht lesen können, halb gerenderter Text, abgebrochen bevor sie überhaupt losgegangen war.
Flackern. Die Kanten ausgefranst, eine Ecke instabil.
Sie tippte auf ihr Armband. Nichts. Tippte nochmal, diesmal mit der stummen Überzeugung von jemandem, der weiß, dass es nichts bringt, aber aufgehört hat, das zuzugeben.
Verbindung wird wiederhergestellt.
Verbindung wird–
Das Interface klappte zu.
„Na super", murmelte sie.
Die Nachricht ihrer Mutter würde warten müssen. Wie immer.
Sal stellte den Becher vor sie auf den Tresen. Einen alten, blauen Keramikbecher, mit einem Turm aus Milchschaum, der leicht nach links hing.
Dee bezahlte mit ihrem Chip-Wearable. Ein altes, unscheinbares Ding, das nichts konnte außer bezahlen. Aber das konnte es zuverlässig.
Sie trank den ersten Schluck und schloss kurz die Augen.
Okay. Besser.
Sie bemerkte ihn erst, als sie den Becher wieder abstellte. Zwei Stehtische weiter, groß, mindestens einen Kopf größer als sie, breitschultrig, schwarzer Rollkragen, dunkle Jacke, Anfang zwanzig mit dunklem Haar, das ihm leicht ins Gesicht fiel.
Er war gut aussehend, aber auf diese unaufgeregte Art, als wäre es ihm vollkommen egal.
Der Typ tat nichts weiter als da zu stehen und trotzdem hatte er sofort ihre Aufmerksamkeit.
Er schaute nicht auf sein Interface, nicht zur Tür, nicht auf die Holo-Karte über dem Tresen.
Er schaute auf den Lautsprecher an der Decke.
Dann zu ihr.
Kurz nur. Als hätte er etwas registriert und wollte überprüfen, ob er richtig lag.
Dee trank ihren Kaffee.
Über dem Tresen flackerte die Holo-Karte plötzlich. Nur einmal, dann zweimal.
Sal fluchte leise und tippte auf sein Holocast, um die Anzeige neu zu kalibrieren. Hinter der Theke gab die Kaffeemaschine ein kurzes Knacken von sich.
Die Musik stockte erneut, länger diesmal, ein verzerrtes Kratzen, bevor sie wieder einsetzte.
Dee spürte es sofort. Dieses Ziehen, das sie kannte und hasste. Als hätte sich etwas um sie herum aufgeladen, zu voll, und irgendetwas musste nachgeben.
Sie stellte den Becher ab.
Atmete einmal langsam aus, bewusst, so wie sie es manchmal schaffte, wenn sie schnell genug war. Einatmen. Halten. Raus.
So, wie Mara es ihr einmal gezeigt hatte, als sie noch geglaubt hatte, es würde nur gegen Nervosität helfen.
Nicht an die Technik denken, nicht an das Flackern, nur an den Atem und die Stille dahinter.
Die Holo-Karte zuckte noch einmal.
Und stabilisierte sich.
Die Musik lief wieder gleichmäßig.
Dee ließ die Schultern sinken.
„Interessant", sagte der Typ neben ihr.
Sie fuhr herum. Er hatte es gesehen. Natürlich. Er schaute sie die ganze Zeit an auf diese Art, als wäre sie ein Muster, das er noch nicht einordnen konnte.
„Was?", sagte sie.
„Du warst das, oder?“
„Ich hab nur Kaffee getrunken."
„Du hast geatmet."
Dee öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Das stimmte. Aber das wusste niemand. Das war etwas, das sie selbst kaum verstand, etwas, das sie nie laut ausgesprochen hatte, nicht mal Fern gegenüber.
„Ich atme ständig", sagte sie. „Das ist so ein Ding, das Menschen machen."
Er sah sie an. Lange genug, dass es keine zufällige Pause mehr war.
Dann schaute er kurz zur Kaffeemaschine, dann zur Holo-Karte, dann zu ihr. Als würde er Punkte verbinden, die für sie unsichtbar waren.
„Das passiert öfter, wenn du in der Nähe bist", sagte er. Keine Frage.
„Aber so etwas passiert nicht einfach. Seit den Vorfällen wird genau darauf geachtet.“
Dee verschränkte die Arme. „Kaffeemaschinen machen Geräusche. Interfaces flackern. Das passiert ständig."
„Nicht auf diese Art.“
„Was für eine Art?“
Er antwortete nicht sofort. Schaute sie nur an. Ruhig. Methodisch. Als wäre sie ein Datensatz, den er gerade einordnete.
Aber auch als bräuchte er ihre Antwort gar nicht, weil er die Antwort bereits hatte. Das Unangenehmste war nicht, was er sagte. Sondern wie er sie ansah.
„Du störst die Technik", sagte er schließlich. „Aber du kannst es auch beruhigen. Das ist ungewöhnlich."
Dee spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. „Vielleicht solltest du lernen, dich vorzustellen, bevor du anfängst, fremde Leute zu analysieren.“
Ein kurzer Moment.
Dann: „Kael."
Mehr nicht. Kein Nachname. Keine Erklärung.
Dee nickte langsam. „Dee." Sie hob eine Augenbraue. „Haben wir ein Problem?“
Er sah sie an, als würde er diese Aussage kurz prüfen.
„Kommt drauf an, was du bist", sagte er.
Das traf sie unerwartet. Es klang nicht bedrohlich. Aber es fühlte sich an, als hätte er eine Frage aufgeworfen, auf die sie selbst keine Antwort kannte.
Einen Moment lang überlegte sie, irgendetwas Schlagfertiges zu sagen. Irgendetwas, das ihr die Kontrolle zurückbrachte.
Stattdessen nahm sie ihren Becher, trank den letzten Schluck Milchschaum – den besten Teil, den sie sich bis zum Ende aufgespart hatte – und stellte ihn auf den Tresen zurück.
„Tschüss, Kael", sagte sie. Ihr Tonfall war cooler als sie selbst.
Sie ging an ihm vorbei, zu nah, spürte seine Präsenz ohne ihn zu berühren, diese ruhige schwere Art den Raum einzunehmen.
Erst als die Tür hinter ihr zuging, atmete sie wieder normal.
Sie ging ein paar Schritte. Dann noch ein paar.
Dann drehte sie sich um.
Er stand immer noch an der Scheibe des Kiosks und schaute ihr nach. Nicht neugierig oder feindselig. Eher so, als hätte er gerade etwas gefunden, das nicht existieren sollte.
Dee drehte sich wieder um und ging weiter.
Aber irgendetwas sagte ihr, dass das nicht ihre letzte Begegnung gewesen war.
Kael blieb noch einen Moment stehen, trank seinen Kaffee und ließ sie gehen.
Dann zog er sein Interface auf. Es leuchtete stabil, klar, keine ausgefransten Kanten.
Er öffnete eine neue Datei.
Leer. Noch.
Er tippte einen einzigen Namen hinein.
Dee.
Sonst nichts. Noch nicht.
Er klappte das Interface zu, ließ den Becher auf dem Tresen stehen, und trat auf die Straße.